Koreanisches Mondkalender-Neujahr

In wenigen Tagen ist es soweit. Dann beginnt ein neues Jahr. Moment, Silvester ist doch schon längst vorbei. Stimmt! Das Jahr 2022 beginnt aber erst noch. Genauer gesagt am 1. Februar.  Zumindest nach dem asiatischen Lunarkalender. (Foto: andribreit)

Hier im Westen heißt das Jahr 2022 einfach 2022. In Asien hat das neue Jahr aber noch einen weiteren, weitaus poetischeren Namen. Nämlich „Jahr des Tigers.“ Alle Menschen, die in den nächsten zwölf Monaten geboren werden, tragen zudem das Tierkreiszeichen Tiger. (In Asien verteilen sich die zwölf Sternzeichen auf Jahre, nicht auf Monate.)

Jahr des Tigers

Das Jahr des Tigers ist für mich persönlich ein ganz besonderes. Ich wurde nämlich im Jahr des Tigers geboren! Bevor Sie jetzt anfangen nachzurechnen, das war vor 48 Jahren. Menschen, die im Jahr des Tigers geboren wurden (zum Beispiel im Jahr 1974), gelten als mutig, abenteuerlustig, optimistisch, durchsetzungsstark und risikobereit. Sie zeichnen sich aus durch Leidenschaft und einen hohen Energielevel, sind kämpferisch und voller Tatendrang. Kurz gesagt, sie sind der reine Alptraum für fürsorgliche Eltern, Buchhalter und alle anderen ordentlichen Menschen.

Davon abgesehen erwarten uns alle im Jahr des Tigers jede Menge radikaler Veränderungen. Natürlich nur im positiven Sinne. Der Tiger steht schließlich für Tatendrang und Impulsivität und daher stehen laut Horoskop die Chancen für große Erfolge und den Abschluss wichtiger Projekte sehr gut. Sind das nicht hervorragende Aussichten? Das muss natürlich ordentlich gefeiert werden.

In meiner koreanischen Familie geschieht das mit dem traditionellen Neujahrsfest. Wären wir jetzt in Korea und lebten meine Großeltern noch, würden sich heute alle meine Verwandten auf den Weg zu Omas und Opas Reisbauernhof in den Bergen machen und dort drei Tage lang durchfeiern.

Weil alle anderen Koreaner das Gleiche tun, sind die Straßen in diesen Tagen natürlich fürchterlich verstopft. Also empfiehlt es sich, zeitig loszufahren. So ungefähr zehn Stunden eher als sonst.

Dort angekommen, würden alle meine Tanten sofort mit dem Kochen anfangen. Es gibt Reiskuchensuppe, „Tteokguk“. Feste, weiße, kleine „Kuchen“ aus Reismehl, die aber gar nicht süß schmecken, sondern eher neutral und wie Gnocchi in einer kräftigen Rinderbrühe mit ein paar Teigtaschen („Mandu“) serviert werden.

Auf die Suppe werden getrocknete, zerbröselte Algen und gemahlener Sesam gestreut. Ein paar Omelettestreifen zieren das Gericht. Sehr lecker! Wer diese Suppe nicht zu Neujahr isst, wird übrigens in diesem Jahr nicht älter. Was ich aber für eine Legende halte, weil alle meine deutschen Freunde keine „Tteokguk“ zu Neujahr bekommen und trotzdem älter werden…

Verehrung der Toten

Ach ja, besonders wichtig an diesem Tag ist natürlich die Ahnenverehrung. Damit erinnern wir uns an verstorbene Familienmitglieder. Das ist so wie hier Totensonntag. Oder Allerheiligen. Nur in der Ausführung ein wenig anders: ALLE Familienmitglieder müssen bei dem Ritual mitmachen, denn Ahnen und tote Angehörige sind so ziemlich das Wichtigste, was es in der koreanischen Gesellschaft gibt. Glauben Sie ja nicht, dass die hysterische Verehrung der beiden toten Diktatoren Kim in Nordkorea ausschließlich kommunistische Ursachen hat…

Zweites wichtiges Ritual ist der Neujahrsgruß an die Älteren. Dazu müssen sich alle Kinder vor ihren Eltern tief verbeugen. „Tief“ bedeutet, mit dem Kopf den Boden zu berühren…Also „in den Staub werfen“. An dieser Stelle meiner Erzählung macht sich bei den meisten Deutschen übrigens blankes Entsetzen breit. Es sei denn, man ist mittlerweile der Älteste in der Familie und hat niemanden mehr „über sich“ vor dem man sich verbeugen müsste. Dann kann man sich nämlich genüsslich vorstellen, wie sich sämtliche Kinder und Kindeskinder, die sonst immer so frech sind, vor einem „in den Staub werfen“ und damit ihren Respekt zeigen.

Für den Gruß gibt es allerdings von den Älteren das Neujahrsgeld. Dieses Geld fließt immer nur in eine Richtung. Von oben nach unten. Das heißt, der Jüngste muss sich zwar am häufigsten verneigen, hat aber am Ende die Taschen voller Geld! Ist ja auch sehr schön!

Nach all diesen Ritualen ist man aber nun endlich gewappnet für das „Jahr des Tigers“: Machen Sie sich 2022 auf jede Menge radikaler Veränderungen gefasst. Und freuen Sie sich auf viele tolle Erfolge!